Samstag, 7. Juli 2012

Zu viele Dicke

Die Idee zu der Überschrift kam mir heute morgen, als ich auf dem Weg zum Bäcker einen Podcast mit Tine Wittler hörte. Tine Wittler hat ein Buch geschrieben, in dem sie beschreibt, dass es Länder gibt, in denen dicke Menschen dem Schöheitsideal entsprechen und alles, was hier bei uns in Europa als Schön gilt auf den Kopf gestellt wird. Ich hab aber schon wieder vergessen,
welches Land das war, aber das kann man sicher in Tines Buch nachlesen.
Ich war dann mit randvoller Brötchentüte auch längst wieder zu Hause angekommen und alles was mir von Tines kurzer Präsenz in meinen Ohren blieb, war die Idee zu dieser Überschrift.
Vielleicht gibt es zu viele dicke Menschen. Ich weiss aber nicht, wann man von "zu viele" sprechen kann, und warum das dann eine Meldung wert sein soll. Aber was ich ganz sicher weiss, ist, dass es zu viele dicke Autos gibt. Jawoll!

Autos, die sowohl mit ihrer Höhe und Breite die Strassen verstopfen, als auch durch die mangelnde Fahrkompetenz ihrer BesitzerInnen überdurchschnittlich oft (also zu viel) schlecht manövriert werden.
Ich bin einmal mit einem Opel Meriva durch die Gassen von Granadas weltkulturvererbter Altstadt gegurkt. Frau O. musste von Schweissausbrüchen geplagt aussteigen und die Flucht ergreifen. Die vielbeschworene Zeitung passte eigentlich nicht mehr zwischen Wand und eingeklappte
Aussenspiegel. Dennoch, ich mühte mich erfolgreich und lenkte das Gefährt unbeschadet an seine diversen Ziele.
Da der Kutscher von heute aber nicht nur lenken und gasgeben muss, sondern auch noch das Smartphone und das Multimediasystem bedienen, die Schminke nachziehen, die Sonnenbrille geraderücken und dem Spurassistenten folgen, sind die Herausforderungen im Vergleich zu damals in Granada signifikant gewachsen. Nicht gewachsen ist die Breite der Fahrspuren, die von Parkbuchten und von Parkhausein- und ausfahrten.
Und das ist das Problem.

Ich fahre mit meinem Rad auf einer zweispurigen Düsseldorfer Hauptverkehrsader. Es gibt keinen Radweg, aber sehr viele Autos. Ein paar Smarts, ein paar normalgroße Autos wie Golf oder Astra oder Mazda3, Lieferwagen, Pick-Ups, ja sogar LKWs. Sie alle kommen an mir vorbei oder üben sich
in Geduld und bleiben hinter mir. Viel schneller als mit Tempo 30 fliesst der Stadtverkehr um diese Uhrzeit sowieso nicht, und 30km/h schaff ich auch.
Wer kapiert das nicht? Die dicken SUVs. Verstehn die nicht. Die Strasse ist ihnen zu eng, als dass sie mühelos an mir vorbei kommen, wenn auf der linken Spur noch jemand fährt, ihre Fahrkunst ist längst an ihre Grenzen gestoßen und mit ihren hübschen Alufelgen über den Bürgersteig ausweichen trauen sie sich dann auch wieder nicht. Also wird gehupt. Da ich auf Autohupen grundsätzlich nicht reagiere, wird dann meistens noch das Fenster runtergezoomt und gerufen. Stinkefinger zeigen natütlich noch obendrauf, damit ich auch endlich verstehe, dass ich mich bitte sofort in Luft aufzulösen habe.
Kann ich nicht und will ich auch nicht. Fahrradfahren macht nämlich großen Spass und wenn es jetzt mehr dicke Menschen gäbe, die Fahrrad fahren würden,
dann müßte die Stadt die Fahrradwege breiter machen und ein Teil des Problems wäre zumindest für mich schon mal gelöst.

Freitag, 22. Juni 2012

Anschaffungs-Anleitung

Frau O. schluckt und greift sich mit der Hand ans Dekolte - quasi Colliergriff.
Ich: "Schatz, hast du Sodbrennen?"
Sie: "Nein!"
Ich: "Weisst du denn überhaupt, wie sich Sodbrennen anfühlt?"
Sie: "Hm , weiss nicht."
Ich: "Steht aber in der App, dass du in dieser Woche Probleme mit Sodbrennen bekommst."

So ist das mit den Nebenwirkungen einer Schwangerschaft, von denen frau, wenn sie sie noch nicht alle kannte, doch sehr genau von einer App informiert wird. Wöchentliche Updates halten uns auf dem Laufenden: Entwicklungsschritte des Kindes, Wehwehchen der Mama, Tipps, wo man grade jetzt sein Geld am besten ausgeben kann aber auch. Die Gratis-App will sich ja finanzieren
und kann das natürlich nur, indem uns Penaten, Pampers & Co. rechtzeitig informieren, dass man bei ihnen am bestren JETZT schon mal das ein oder andere nutzlose Gedöhns kaufen kann.

Bisher haben wir natürlich überhaupt kein einziges unnützes Teil gekauft. Wie denn auch? Wir sind ja bestens informiert aus allen möglichen Print- und Onlineerzeugnissen. Nicht zu vergessen die gut gemeinten Ratschläge aus dem Bekannten und Freundeskreis, oder sogar von Menschen, die wir bis gestern gar nicht kannten. Letztere eignen sich besonders gut dazu, einem die Bedeutung der Schwangerschaft und all ihrer Begleiterscheinungen bis ins kleinste Detail zu schildern. Da schrecken manche auch nicht davor zurück, Schmerzintensitäten und Blutfarben blumig und sehr präzise zu schillern. Körperlichkeiten sind auf einmal nicht mehr "ba" sondern "total natürlich und spannend". Da spricht man auch gerne mal bei ner Pizza über Damm-Massage. Gut, weiss ich das auch. Mein so geschultes Auge hat auch gleich das passende Massageöl bei DM in der Pränatal-Abteilung entdeckt - und dort stehen lassen.

Gänzlich tatenlos waren wir aber nicht. Die wenige verbleibende Zeit zwischen arbeiten, essen, schlafen und für den Düsseldorf-Triathlon trainieren, haben wir meiner Meinung doch ganz sinnvoll genutzt.

Jaaaa, kleiner Einschub, der Triathlonstart am 08. Juli in Düsseldorf war meine Schnapsidee während des Urlaubs. Ein letztes Mal vielleicht, bevor mein Co-Mutter-Dasein mir keine Zeit mehr läßt. Noch mal so richtig alles geben und dann für immer Eltern sein, Kinderwagen schieben und auf Spielplätzen abhängen. Immerhin nulle ich dieses Jahr noch - aber das ist nun wirklich ein anderes Thema.

Im Kinderzimmer to-be befinden sich (Stand heute):
  • Ein Teutonia Kinderwagen in obercoolem Braun mit Buggy-Aufsatz, Sonnenschirm, Moskitonetz, Regenverdeck und abnehmbaren Ledergriffen
  • Eine Baby-Badewanne
  • Eine Wickelauflage
  • Ein Laufstall zum Zusammenklappen (und sich ordentlich die Finger dabei einquetschen)
  • Ein Kinderbettchen
  • Ein Berg Bodies, Hemdchen und Schnuffeltücher und ein Body mit Deutschlandfahne und der Aufschrift "Verteidiger"

Ausserhalb des Kinderzimmers befindet sich unser neues Auto. Bye, bye Golf!
Und die ganzen Möbel, die wir dort rausgeräumt haben, um den Kindermöbeln Platz zu machen.

Sonntag, 3. Juni 2012

Hurra, ein Junge!

Frisch aus dem Urlaub zurück, stand am vergangenen Mittwoch der große Organscan an.
Dabei tasten hochspezialisierte Geräte den Bauch meiner Frau ab und zaubern fantastische Bilder auf einen hochauflösenden Flachbildschirm. Kinderkriegen ist echt ein Thema für Menschen mit
Sinn für Technik, und um das Klische mal zu bedienen, irgendwie halt für Männer. Wer wie ich einen naturwissenschaftlichen Hintergrund hat und dazu noch fasziniert von allem was blinkt und piept ist, der ist in einer gynäkologischen Praxis genau richtig.
Im Gegensatz zur Zahnarztpraxis - die ja einen ähnlichen Erlebnismehrwert bietet - ist man(N!) ja hier total auf der sicheren Seite. Als Co-Mutter gilt das nicht ganz, aber das konnte ich bisher problemlos ausblenden. 

Die Ärztin zeigte uns über eine Stunde lang bunte bewegte Bilder von unserem Kind, und erklärte dabei ausführlich, was sie alles sah. Mir stand nur der Mund offen vor lauter Staunen über so viel quicklebendiges Leben. Der kleine Strampler nahm alle möglichen Positionen ein, um die Ärztin an die Grenzen ihres Könnens zu bringen, doch dann auf einmal hatten wir ihn erwischt: ein kleines Jungs-Merkmal zeigte sich als weisser Strich auf dem Bildschirm. Okay, es hätte auch ein Stück Nabelschnur oder ein Fusel auf dem Bildschirm sein können, aber ich vertraue mal der Erfahrung der Expertin und weiss nun seit ein paar Tagen, dass ich Co-Mutter eines Jungen werde.
Jetzt müssen Frau O. und ich nicht länger nach einem Mädchennamen suchen, und das Rosa-Thema ist hoffentlich auch vom Tisch. Da wir ja noch ein paar Monate Zeit bis zur Geburt haben, können wir jetzt ganz in Ruhe die Einrichtung des Kinderzimmers für den jungen Mann planen.

Freitag, 25. Mai 2012

Wenn die Musi spielt

Was dem deutschen Homosexuellen zur Stunde der Roman Lob, sprich das ganze Bohei um Baku und den ESC, ist dem Meraner Durchschnittstouristen der Franz von der Blasmusikkapelle. Er trat gestern gleich in mehreren Rollen in der klingenden Holzmuschel auf dem Zentralplatz auf - als Moderator des Konzerts und als Musiker an der Tuba.
Im Stile eines ganz Großen bedankte sich der Franz erst mal artig beim Tourismusverband für die freundliche Einladung.
Dann legten er und die Seinen mit Pauken und Trompeten so richtig los, dass es auch der letzte Opi bei ausgeschaltetem Hörgerät spüren konnte. Fantasievolle Outfits und lustige Kopfbedeckungen gabs ganz ESC-like zu bestaunen und das Publikum spendete ekstatisch eiswaffelschwingend Applaus. Kein Wunder, denn am vorangegangenen Abend hatte schon das Cindy und Bert
Double an der Stromguitarre den Auftakt zu einem klangvollen Musikevent gegeben. Mit Nebelmaschine und Trachtentanzgruppe hatten sie alle Register des modernen Entertainments gezogen, so dass Franz schon ordentlich was bieten musste.
Das tat er dann auch mit einem Potpouri aus Marschmusik, Filmmelodien und irgendwas opernmäßigem. Wenn man selber keine Ahnung hat, soll man ja bekanntlich die Klappe halten. Aber in einem Punkt möchte ich Peter Urban (siehe baju.tv) doch gerne widersprechen:
Qualitativ ist 2012 ein guter Jahrgang - bei der Blasmusik auf jeden Fall!

Donnerstag, 24. Mai 2012

Sundance oder die Materialschlacht am Berg

Dass Mountainbiken nicht all zu viel mit Rennradfahren gemeinsam hat, läßt sich erahnen, wenn man die beiden Fahrradtypen nebeneinander betrachtet.
Es braucht wohl kein geschultes Auge, und selbst der Laie erkennt, dass es hier um zwei verschiedene Welten des Radfahrens geht. In Ansätzen war mir dies vor zwei Jahren bewusst geworden, als ich mit einem meiner Schwäger am Gardasee das Gebiet am Monte Baldo befuhr.
Unwegsame Schotterpisten, viel zu steile Rampen und Unmengen von Steinen, die sich da vor uns auftürmten. Ein ausgetrocknetes Gebirgsbachbett gab mir damals den Rest. Ich schob das gute Rad den Hang hinab und schwor mir, so schnell kein Mountainbike mehr zu besteigen.

Gestern morgen lockte die Sonne schon früh um sieben die Urlauber mit seniler Bettschwäche - und mich - an den Berg.
Christoph's BikeAcademy (http://www.bikeacademy-meranerland.com) plante eine geführte Mountainbike-Tour ins Hinterland von Schenna.
Ausgerüstet mit einem Fully-XY-Gedöns mit Shimano Schnick-Schnack, 2 Powergels in den Trikottaschen und einer gut mit Bergwasser gefüllten Trinkflasche ging es um 9:30 Uhr vom asphaltierten Hof der Academy ins Gelände. In meiner Gruppe mühten sich neben mir noch ein starker Förster aus dem Schwarzwald, der Hausmeister des Hotels und eine zugreiste Münchnerin. Der Schwarzwälder floh vor seiner Familie, die Münchnerin vor ihren Eltern und der Hausmeister vor der Arbeit. Das erfuhr ich alles häppchenweise während der sechsstündigen Ausfahrt - mehr- oder weniger freiwillig. Nach ein paar Kilometern durch die Apfelplantagen gelangten wir zur Talstation von Meran2000, von wo aus uns die Seilbahn auf 2000m Höhe brachte.
Ich glaube nicht, dass alle Lokalitäten, die ein "2000" im Namen tragen, 2000m hoch gelegen sind, aber hier trifft es ausnahmsweise mal zu. Oben angekommen erwartete uns auch gleich die erste Rampe. Rampe heisst bei Mountainbikern soviel wie: fahr die Wand hoch!
Wegen mangelnder Fahrtechnik hob mein Vorderrad permanent vom Boden ab oder aber fuhr einfach nicht geradeaus. Am steilsten Stück, mitten auf der Eisplatte stieg ich dann zum ersten mal frustriert vom Rad. Hätte ich da schon gewußt, dass mir das an diesem Tag noch minestens 20 mal passieren würde, ich wäre sicherlich viel cooler geblieben und hätte die fiese Kurve locker gemeistert.
Nun denn - so galt es geduldig zu bleiben, die Kräfte zu dosieren und immer schön zu Kurbeln.
Zur Belohnung rollten wir auch gleich zwei Kehren weiter auf die Sonnenterasse der Meraner Hütte und gönnten uns italienische Heissgetränke oder selbstgemachte Buttermilch aus Eimern. Christoph, unser Tourguide, erklärte uns in feinstem Hoch-Südtirolerisch das zu bestaunende
Bergpanorama. Er beantwortete auch tapfer all jene bestimmt schon tausend Mal gestellten Touristenfragen, wie zum Beispiel, ob denn auf den Gipfeln dahinten immer Schnee liege. Ist natürlich nicht so - alles nur weiß angestrichen. Also ich finde, die Witze der Mountainbike-Guides, Skilehrer, Surflehrer, etc. waren auch schon einmal besser.
Zwischen dieser und der nächsten Pause kam ein Teil, den ich lieber aus meinem Gedächtnis streichen möchte. Steine in allen Formen und Größen, Sand und Matsch, ein Weg, der maximal 50cm breit war und natürlich bergauf ging. Schlimmer wurde es allerdings, als der Weg wieder bergab ging, denn da geriet ich endgültig an meine fahrerischen Grenzen. Po nach hinten, Pedale parallel, Gewicht auf die Beine und vorausschauend fahren. Ojeh!
Wenn man sich die Pedale oft genug gegen die Wade rammt, sieht das am nächsten Tag (also heute!!!) nicht schön aus. Aber um Schönheit ging es hier schon lange nicht mehr. Hausgemachter Apfelstrudel mit Sahne auf der sonnenverwöhnten Alm entschädigte immerhin ganz gut. Dazu ein Sportwasser und der ab heute obligatorische 'Macchiato' - die In-Getränke der Süd-Tiroler. Obs das Sportwasser auf die Kö schafft möchte ich bezweifeln, aber Zeit, die Dauerbrenner Apfelschorle und Rhabarberschorle abzulösen wäre es.
Wir pausierten laaaange. Brauchten wir aber auch, da die Südtiroler Guides (es gab noch einen zweiten, der mit einer schnelleren Gruppe fuhr) noch langsamer reden als der gewöhnliche Rheinländer. Und Schwaben hatten wir ja auch noch. Nachdem jeder von den sportlichen Höchstleistungen seines bisherigen Lebens berichtet hatte, gings zurück uns Tal. Diesmal über gut ausgebaute Waldwege und zum Schluss sogar über asphaltierte Strassen. Ich war heilfroh, am Ende der Route doch noch ein wenig "richtig" Radfahren zu können und belohnte mich standesgemäß mit einem großen Radler.
Die große Liebe habe ich mit dem Mountainbiken wohl nicht entdeckt, aber einen Tag voller Sonne, atemberaubender Bergwelt und halsbrecherischen Kurbelmanövern kann mir keiner mehr nehmen.

Montag, 21. Mai 2012

Regen in Schenna

Es regnet Bindfäden im Rentnerparadies Schenna. Im sonnenverwöhnten Südtirol, wo ein Blühhöhepunkt den anderen jagt, regiert heute graue Regenwolken Tristesse. Wenn nicht heute, wann dann soll der Tag kommen, an dem ich das Bloggen nach langer Pause wieder beginne. Der Montanara-Chor hat sein Ständchen gebracht, Annemie hat ihrem Wilhelm die Benutzung des
Frühstücksbuffetts beigebracht, die Jack-Wolfskin Kollektion der letzten 3 Jahre ist kollektiv um den Schennaer Dorfplatz gewandert.
Alles Wichtige ist nun abgehakt. Scheinbar. Kreisten da nicht ständig diese Fragezeichen der Hotel-Mitgäste durch den Speisesaal:
Was sind das für zwei merkwürdige Frauen aus Deutschland? Sind sie ein Paar? Die eine ist doch schwanger, oder nicht? Warum essen sie eigentlich nie das 5-Gänge Menü auf? Sie sind aber doch noch ein bisschen jung für so einen Ort, oder?
Ich würde so gerne in ihre Köpfe schauen und ihre Gedanken lesen, aber vielleicht ist es auch besser, dass ich diese Fähigkeit nicht besitze.
Es könnte allerdings auch sein, dass sie uns überhaupt nicht bemerkt haben. Völlig besessen davon, den nächsten Hügel zu erklimmen, endkonzentriert in der korrekten Handhabung der Gehstöcke und vertieft darin sich die Menüreihenfolge zu merken. Ich gebe zu,
auch ich hatte gestern Abend irgendwann vergessen, ob wir jetzt beim 3. oder 4. Gang waren. Mein Magen signalisierte mir "Aufhören! Es reicht!",
aber es folgten noch 2 Gänge. Das Rentnervolk um uns herum nahm es wesentlich gelassener - spülte aber auch mit deutlich mehr Wein nach.
Jedem seine sportliche Höchstleistung. In Anbetracht der fortgeschrittenen Umstände von Frau O. gehören wir ja doch viel mehr in die Liga der Gehschwachen als unser jugendliches Alter dies erahnen läst. Ein stetig wachsender Mitbewohner im Bauch stellt ganz andere Ansprüche an die Urlaubsgestaltung in den Bergen. Da können die Waden noch so stramm und der Cholesterinwert noch so niedrig sein.
Könnte man fast ahnen, wenn man mal im Outdoorshop nach Umstandsmode sucht, aber wer macht das schon? An unserem wanderfreien, da vollkommen verregneten heutigen Tag stellten wir dann in aller Deutlichkeit fest, dass selbst fünfstöckige Outdoor-Spezialgeschäfte im mondänen Bozen keine Regenjacken für Schwangere führen. Wir entschieden uns dann für einen Video-Nachmittag mit Miss Marple auf dem iPad bei Kuchen und stillem Wasser aus der Sigg-Flasche.

Sonntag, 5. Februar 2012

Krefeld ist schön

Ich hatte Pech. Ich war dran. Trotz frostiger Temperaturen und nur ansatzweise überstandener Erkältung musste ich den weiten Weg nach Krefeld zurücklegen, um meinen Freund A. zu treffen. Wir treffen uns immer abwechselnd in Krefeld oder in Düsseldorf. Das mag objektiv fair klingen, dennoch fühle ich mich oft genug im Nachteil. Das bringe ich dann auch mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck und habe mit Hilfe diverser Quängelmechanismen auch schon das ein oder andere Treffen in Düsseldorf erzwungen. Charmant natürlich, und stets begründet. Diesmal war allerdings nichts zu machen. Tief in mir drin ahnte ich, dass es zwecklos wäre auch nur ein einziges stichfestes Argument in die Waage zu werfen. Zu oft hatte ich diesen Kampf bereits
zu meinen Gunsten entschieden. Es war an der Zeit, mal wieder eine Reise zu tun und aus meiner Komfortzone auszubrechen. Da die Heinzelmännchen meinem Auto noch nicht die Winterreifen aufgezogen hatten und ich es selber bis dato nicht geschafft hatte, musste ich die beschwerliche Reise mit der Strassenbahn antreten. Eine solche Linie fährt sogar vom Düsseldorfer Hauptbahnhof zum Krefelder Hauptbahnhof durch. Zu meiner großen Freude hat diese Bahn einen Speisewagen. Kein Scherz. Es handelt sich hier um einen ganz normalen Strassenbahnwaggon mit Tischen und Sitzbänken in dem eine Lady mit Minipli und Schürze kalte und heisse Getränke anbietet. Angesichts Aussentemperaturen von -10°C zog es in meinem Abteil wie Hechtsuppe. 
Jeder der hundert Stops mit Tür-auf-Tür-zu Routine liess noch mehr kalte Luft in den Wagen strömen und mich trotz Mütze, Schal und Handschuhen auf meinem Bänkchen armselig zittern. Durchgefroren und durchgeruckelt stieg ich in Krefeld-Dießem in das mit Sitzheizung ausgestattete Gefährt meines Freundes, der uns umgehend zum "MIKADO" chauffierte. Das "MIKADO" ist ein beliebtes Bistro in Krefeld. Das liegt vielleicht daran, dass man mittwochs zum Doppelkopf-Abend einlädt oder daran, dass der Wirt eine Bilderbuchtunte ist. Man erzählt sich auch, dass es im MIKADO die besten Crepes und die leckersten Baguettes der ganzen Welt gibt. Doppelkopf gepaart mit hausgemachten Baguettesaucen und einem Spritzer schwulem Esprit schaffen natürlich ein exotisches Ambiente am bodenständigen Niederrhein.
Da geht man hin, da kann man was erleben. 90% reservierte Tische sprechen dafür, dass der Krefelder so oder so ähnlich denkt.
Ich spiele kein Doppelkopf und ich brauche keine homosexuellen Männer mit blondierten Haaren, um einen Hauch der großen weiten Welt in mein Leben zu lassen. Also bestellte ich ein Baguette und aß zum Nachtisch noch einen Crepe. Lecker. Nachdem ich gesättigt war und entspannt das Bistro inspizieren konnte, entdeckte ich, dass auf jedem Tisch eine Holzschachtel mit einem Mikadospiel lag. Originell. Wie die gesamte Deko und die sehr matronenhafte Bedienung, auf deren überdimensionalem Popo man eine ganze Ladung Crepes hätte abstellen können. Der Weg mit der Strassenbahn zurück nach D-Dorf verlief erstaunlich einfach und schnell. Rechne ich mal die Parkplatzsuche in Flingern zu so später Stunde mit ein, wäre ich mit dem Auto nicht viel schneller gewesen.
Fazit: Krefeld ist gar nicht so schlimm, aber beim nächsten Mal treffen wir uns ja wieder in Düsseldorf und das ist auch gut so.